- Samstag -
“Ganz schön unübersichtlich hier,” findet eine Gruppe von Männern in gelb-schwarzen T-Shirts mit ebensolchen Schals, als sie in der S-Bahn vor dem Plan des Berliner Liniennetzes der Öffentlichen Verkehrsbetriebe steht. Vom Bahnhof Zoo finden die Herren, es scheinen Fans zu sein, dennoch ihren Weg zum (Schloß) Bellevue, wo sie meinem Blick entschwinden.
In der Nacht ein Feuerwerk, zumindest hört es sich so an. Erinnerung: Als ich einst im Dachgeschoss wohnte, mit Blick in die Weite eines Tals, da sah ich des Sommers oft die Funken sprühen, knallende Lichter in der Dunkelheit. Wie wäre mein Leben, wenn ich dort noch leben würde?… Punkt.
- Sonntag -
Das Muttertier in mir meldet sich, weist zurecht. Zurecht? Zu unrecht? Verhandlungssache?
“Ich kann auch anders.” Diesen Satz habe ich immer wieder in meinem Kopf. Ein Fotothema. Bilder finden für das Andere. Was ist anders?
Halb vier. Nachmittags. Mit dem Auto Seitenverkehrt parken. Cappuccino darin trinken. Pause, die möglich ist, weil Mütze eingeschlafen ist. Sie selbst hat die Pause nach dem Besuch bei den Großeltern und mit der quirligen Cousine nötig. Für die Eltern: Ein Moment voller Sein, nichts tun, nichts denken, nichts beobachten, vom schlafenden Kind verzaubert.
Väter spielen mit den Kindern. Es ist Muttertag. Ab nächstem Jahr gehöre ich wohl auch dazu. Ob ich dann auch allein zu Hause bleibe und Mütze mit ihrem Vater zu den anderen Vätern lasse?
Autoreifen quietschen. Ab gehts. Eine Frau rennt auf die Straße, um sich das Nummernschild zu merken. Blechschaden beim Ausparken. Eine Familie in Aufruhr. Die Jungs sind aufgeregt. Die Polizei wird gerufen. Das große Mädchen spielt weiter mit dem kleinen Mädchen.
“Er ist da, aber selten,” sagt die hochschwangere Frau zu ihrer Freundin.
- Montag -
Für das erwähnte Fotothema habe ich nun im Archiv gewühlt, nach der passenden Kombination gesucht. (Ein Diptychon soll es werden.) Plötzlich gefangen im Sog der Erinnerungen. Alles noch vor der Dachgeschosswohnung. Man war ich damals jung. Meine Augen leuchteten schwermütig. Mich selbst eingeengt? Fragenstrudel… Ich lasse es. Gute Nacht. Punkt. Doch in der Nacht kommen die Träume, begleiten mich in den Tag. Aber geweckt werde ich von einem Lächeln. Herzerwärmend.
Ein wirklich, wirklich spannender Workshop hat seine Fühler nach mir ausgestreckt. Ob sich da was machen lässt? Oder doch zum Geburtstag der Oma, die voraussetzt, dass ich komme, mich aber noch nicht eingeladen hat?
Eine ganz andere Einladung flatterte ins Mailpostfach. Ich stehe auf einem Verteiler, der so etwas verschickt. Eine Autorin liest aus ihrem jüngsten Buch. Ganz ehrlich: Interessiert mich überhaupt nicht. Aber gehe ich hin? Sie wird nicht mit mir rechnen. Ob sie mich überhaupt wiedererkennen wird?
Er hält kurz inne, bleibt mit dem Kinderwagen, in dem das Baby schläft, stehen. “Eine gewisse Ähnlichkeit besteht,” sagt er seinem Handy. “Ich sah als Kind auch so aus.” Was das Handy wohl erwidert hat? Die Kirchenglocken läuten.